19.12.2007

KNOL in deutschen Medien

Die Computerwoche sieht in KNOL eine Revanche an der Wikipedia, sowie eine Konkurrenz für Wikihow, Productwiki und Lifehacker und zitiert eine französische "Studie". Die CoWo kolportiert auch das weit gestreute Gerücht, dass Google den Answers-Dienst wegen Erfolglosikgeit eingestellt hätte und auch, dass Google bei Community orientierten Diensten "keine gute Figur macht". Marissa Mayer klärte hingegen via Google Operating System auf, was hinter solchen Projekten eigentlich steckt: kein eigenständiges Businessmodell, sondern die Möglichkeit der Datensammlung, um die eigenentwickelte AI / Künstliche Intelligenz trainieren zu können.

Die TAZ hat allerdings das "bevorzugte" Ranking der Wikipedia gut verstanden, sieht jedoch auch nicht den größeren Kontext wie die Fortentwicklung von Google Base, Google Page Creator, Google Reader, Orkut, Picasa, Docs, Groups, Blogger etc. zu einem mehr integrierten und v.a. monetisierbaren Produkt mit der Jotspot-Technologie. Die KNOLe geben dann eine Struktur vor, sowie Reichweite, transparente Beteiligung weiterer Nutzer und auch eine gewisse Refinanzierung.

Das Handelsblatt fasst die Hintergründe zu KNOL zusammen und sieht auch die indirekten wirtschaftlichen Implikationen für Wikipedia: wenn 2/3 des Traffics in Zukunft fehlen wird es schwieriger, neue Autoren und vor allem Spender zu finden. Alleine die Ankündigung einer Wikipedia-Konkurrenz dürfte bei vielen unzufriedenen Autoren einen Umdenkprozess auslösen. Bisher war die Wikipedia die einzige Möglichkeit, ein bisher nicht öffentlich abgedecktes Thema zu behandeln. Dafür musste man die Diskussionen mit z. T. anonymen halbgebildeten Artikeloptimierern in Kauf nehmen. KNOLe könnten hier Fachautoren eine Heimat bieten, in der sie sich wohler fühlen, weil alle Beteiligten namentlich bekannt sind und nicht aus der Tarnung heraus redigieren können.

Das angebliche Scheitern Googles mit Google Mail und Orkut wird nicht mit einer Quellenangabe belegt oder worin das Scheitern eigentlich liegen soll. Google Mail ist Teil der Google Applications for your Domain (Google Apps) und wird in sehr vielen großen Unternehmen und Universitäten genutzt. Diese Nutzer sind für die klassischen Panels nicht so transparent wie reine Privatnutzer (die Yahoo & AOL & MSN/LIVE/Hotmail bevorzugen). Orkut war ein Privatprojekt eines Google Mitarbeiters und dient heute in der Hauptsache als Testfeld für neue Community getriebene Features, die dann sukzessive auch in anderen Google Produkten auftauchen. Auch das Handelsblatt sieht nicht den größeren Hintergrund, der in Jotspot liegt.

Den drei Zeitungen gemeinsam ist, dass sie die eigenen Fehlinterpretationen von neu gestarteten Google Projekten hinterher dem Unternehmen zur Last legen, das die Projekte mit einer ganz anderen Intention gestartet hat, statt die eigene Berichterstattung zu korrigieren. Wer KNOL als Anti-Wikipedia bezeichnet, liegt falsch, so wie er falsch lag mit Orkut als Anti-Myspace / Facebook, Google Mail als Anti-Yahoo-Mail etc.

KNOL ist - wie viele andere Google-Projekte - nur in einem Punkt "Anti": es führt eine neue Sicht der Dinge und damit Mitbewerb ein, wo vorher Tradition und Monopole herrschten. Daraufhin verändern sich die Mitbewerber schneller als wenn es diesen neuen Mitbewerber nicht gegeben hätte.

Die Notwendigkeit, ihre althergebrachten Geschäftsmodelle zu verändern, erläutert Viola Schenz: "Dieses Jahr werden die Deutschen erstmals mehr Zeit im Internet als vor dem Fernseher verbracht haben. [...] Kein Verleger weiß, wie sich dieser Markt und die Kosten dafür wirklich entwickeln, bisher ist alles munteres Spekulieren. Burda [...] betreibt Tier-Plattformen wie Hallohund.de oder ein Reisebüro, Holtzbrinck [...] Web-Gemeinden wie StudiVZ, Videoseiten wie Watchberlin oder Rubrikmärkte wie trauer.de. Stern.de treibt mit Shortlist, Tausendreporter.de oder Augenzeuge.de seine Community-Aktivitäten voran. Auf solchen Seiten besteht Hoffnung auf Rentabilität."

Fritz vermisst bei KNOL die demokratischen Abstimmungsprozesse und John Worth sieht die Kommerzialisierung durch KNOL als auch die Kompetenz der Autoren in einem kritischen Licht.