10.12.2007

Rückblick 1995: Auf dem Highway ist die Hölle los (Die neue Medienlandschaft in den USA) von Fritz G. Blumenberg

Die Metamorphose der Kommunikationstechnologien

Die digitale Revolution verändert das Gesicht der Welt. Jedes Jahr entwickeln sich so viele neue Medienformen, daß die amerikanische Zeitschrift Channel of Communications einen jährlichen Wegweiser für die elektronische Welt herausgibt, den Guide to the Electronic Environment. Hintergrund der allgemeinen Aufregung: Alle Kommunikationstechnologien machen derzeit eine gemeinsame Metamorphose durch. Die grenzauflösende technologische Annäherung vollzieht sich in zwei einander überlagernden Stufen: der elektronischen und – anschließend – der digitalen. Die erste Ära der Kommunikation, so schrieb Ithiel de Sola Pool 1983 in seinem Buch Technologies of Freedom, war das gesprochene Wort; als zweite folgt die Schrift; und die dritte: der Druck und jede andere Technik der Vervielfältigung, Phonographen etwa oder Fotokopierer. Nun folgt die vierte Ära: Alle Medien werden elektronisch.

Auf dem Weg zur Digitalität

Und die meisten elektronischen Medien werden früher oder später digital. Telefon, Radio, Fernsehen und Musikaufzeichnungen begannen ihre Laufbahn als analoge Medien. Heute befinden sie sich auf ihrem schrittweisen, manchmal ruckartigen Weg zur Digitalität: Sie werden nach und nach computerisiert. Die modernen Medientechnologien sind eine neue Schrift, sie werden die Welt verändern wie das Alphabet.

Digitalität macht die Medien übersetzbar

Die Digitalisierung macht alle Medien ineinander übersetzbar: Computer-Bits wandern vergnügt – und entkommen so ihrer traditionellen Form der Übertragung. Ein Kinofilm, ein Telefonat, ein Brief oder ein Artikel in einer Zeitschrift – sie alle lassen sich digital per Telefonleitung übertragen oder per Koaxialkabel, via Glasfaserkabel, Mikrowelle, Satellit, Rundfunk oder über physische Speichermedien wie Disketten. Mit der Digitalisierung wird der Inhalt zur Modelliermasse – jede beliebige Mitteilung, jedes Geräusch und jedes Bild läßt sich zu allem möglichen umwandeln, editieren.

Geräuschloses Medium mit eingebauter Fehlerkorrektur

„Digitalität ist ein geräuschloses Medium mit eingebauter Fehlerkorrektur“, kommentierte Nicholas Negroponte, Gründer und Direktor des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology, die Möglichkeiten, die eine digitale Reproduktion ebenso vollkommen machen wie ihr Original. „Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum irgend jemand noch im analogen Bereich arbeiten sollte – Sound, Film, Video. Alles wird digital übertragen werden.“

Medien verschieben sich ineinander

Doch die Medien verändern sich nicht bloß, sie verwandeln sich und verschieben sich ineinander. Und wo sie zusammenkommen, bringen sie etwas Neues hervor. Weil sich dieser Prozeß selbst beschleunigt und verzweigt, besteht kein Anlaß, in absehbarer Zeit mit einer neuen Stabilität zu rechnen. Wenn die Spielsteine immer wieder die Spielregeln verändern, muß man sich mit ihnen ändern – oder aus dem Spiel ausscheiden. „Erfindung“, konstatierte der Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan 1964 in seinem epochemachenden Werk Understanding Media, „ist die Mutter der Notwendigkeit.“

Die bloße Masse an elektronischen Informationen wächst unaufhaltsam. Negroponte erklärte den wachsenden Bedarf an Nachrichtensatelliten einmal als schlichtes Problem von Angebot und Nachfrage: „Es gibt einfach einen riesigen Markt für Bits.“

Komplexes Geflecht aus Allianzen und Akquisitionen

Um eben jenen Markt der Telekommunikation ist ein gnadenloser Kampf entbrannt. In einem immer komplexer werdenden Geflecht aus Allianzen und Akquisitionen sind Kabelbetreiber, Computerfirmen, Softwarehersteller und Unterhaltungselektronikriesen heute eifrig dabei, die Karten neu zu mischen. Börsenanalysten schwärmen von der Schlüsselindustrie des ausgehenden und voraussichtlich auch des kommenden Jahrhunderts, einer der wenigen weltweiten Wachstumsbranchen. Computer- und Softwarefirmen rangeln mit der Unterhaltungsindustrie um die besten Startplätze für das Rennen um die lukrativen Märkte der Zukunft. Wer wird Standards, Geräte und Programme liefern, mit denen der Bildschirmbürger von morgen sein vernetztes Leben steuert?

Vom elektronischen Quantensprung zur neuen Qualität der Kommunikation

US-Vizepräsident Al Gore hat den Information Superhighway zur Chefsache erklärt und damit zumindest einen der populärsten Begriffe der letzten Zeit geschaffen. In jedem Haushalt auf dieser Welt werde bald ein Personal Computer stehen, sagt Microsoft-Gründer Bill Gates, das inzwischen erwachsen gewordene Wunderkind der Software-Branche. Und jeder sei dann mit jedem verbunden, über PC, Modem und Telefonnetz. Entwickelt sich mit dem elektronischen Quantensprung eine neue Qualität der Kommunikation oder nur die perfekte, aber völlig beliebige multimediale Berieselung?

Die Vorstände der großen Unterhaltungskonzerne sehen in Video-on-Demand als Teil des interaktiven Fernsehens das Trojanische Pferd, mit dem sie der Multimediazukunft die Türen öffnen wollen. Für die USA haben Marktanalysten jedoch bereits errechnet, daß jeder Abonnent für mindestens 20 Dollar in der Woche Filme abrufen müßte, wenn die Investoren der notwendigen Infrastruktur innerhalb von rund zehn Jahren auf eine vertretbare Rendite kommen wollen: unwahrscheinlich, sagen die Experten.

Vorsprung für die Computerindustrie

Derzeit sieht es so aus, als habe die Computerindustrie die besseren Karten: Weltweit sind bereits zwischen 15 und 20 Millionen Personal-Computer-Nutzer miteinander im Internet verknüpft. In den Vereinigten Staaten
allein hängen 30 Millionen PCs in großen und kleinen Netzen, fünf Millionen Bürger haben einen E-Mail-Anschluß. Wenn die Geräte mobil werden, macht es noch mehr Sinn, sie netzfähig zu machen: 18 Prozent der im vergangenen Jahr in Amerika verkauften Computer waren Notebooks oder Laptops, die meisten von ihnen mit einem Modem ausgerüstet.

Nie versiegender Strom neuer Produkte

Noch ist alles offen; noch ist nicht entschieden, welches der beiden Lager, die um die Gestaltung der interaktiven Dienste von morgen ringen, sich durchsetzen wird: die Trendsurfer aus High-Tech-Firmen wie Intel, Hewlett-Packard oder Microsoft, die glauben, daß sich der neue Markt wie die PC-Welt evolutionär entwickeln wird – aus einem nie versiegenden Strom neuer Produkte und Serviceangebote, über deren Schicksal die Nutzer entscheiden; oder die Strategen aus den Telekommunikations- und Medienkonzernen, die milliardenschwere Aufmarschpläne und Allianzen schmieden, um die elektronischen Marketing- und Vertriebswege unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Gordon Moore, Mitbegründer des Marktführers Intel, der weltweit für die meisten Computer das elektronische Gehirn liefert, schätzt, daß sich die Anzahl der Mikroprozessoren, die auf einen Chip passen, alle 18 Monate verdoppelt. Dieser Dynamik verdankt die Computerindustrie ihre guten Chancen auf den Multimediamärkten der Zukunft. Und sie nutzt die Gunst der Stunde. Der Chiphersteller Intel arbeitet beispielsweise mit Ted Turners CNN an einem interaktiven Nachrichtenprogramm. Für viel Geld hat Microsoft im Herbst vergangenen Jahres den größten Hersteller von Personal-Banking-Programmen aufgekauft. Mit der bereits weitgehend etablierten CD-ROM verfügt die Industrie über einen Wegbereiter für den Information Superhighway, glaubt Bill Gates. Allein 1994 wurden nach Schätzung der kalifornischen Marktbeobachter von Dataquest weltweit 17,5 Millionen CD-ROM-Spieler verkauft, gegenüber 6,7 Millionen im Vorjahr.

Unterhaltungselektronik sucht die Nähe zur Computerkonkurrenz

Schon jetzt suchen einige Unterhaltungselektronikfirmen die Nähe zur Computerkonkurrenz: Sony etwa liefert bereits jedes vierte CD-ROM-Laufwerk, das in US-Computern verwendet wird. Vor ein paar Jahren pumpten Matsushita und Sony Milliarden von Dollar nach Hollywood und kauften dort Studios. Sie glaubten, ihre Hardware besser absetzen zu können, wenn sie die Software kontrollierten. Inzwischen erwies sich der Versuch als millionenschwere Fehlentscheidung. Die japanischen Firmen, bemerkte der britische Economist, hätten ihr Geld lieber gleich im Silicon Valley anlegen sollen.

Die Vision vom allumfassenden Netz

In einem Punkt sind sich die Experten heute einig: Die Vereinigten Staaten liegen bei der Entwicklung der bunten Datenwelt unangefochten vorn. In New York, Washington, Los Angeles und anderswo wurde früh erkannt, daß die neuen Techniken für die Volkswirtschaft in Zukunft von geradezu strategischer Bedeutung sein werden. Rund die Hälfte des Volkseinkommens wird in den USA für Informations- und Kommunikationstechnik im weitesten Sinne ausgegeben. Die Initiative in Sachen Information Superhighway ging von Hollywood aus, der kalifornischen Computerszene, den großen Telefonriesen. Aber Washington reagierte auf die neuen Impulse. Al Gores Vision einer „Nationalen Informations-Infrastruktur“, seine Idee, alle Schulen, Bibliotheken, Universitäten, Museen zu vernetzen, wurde in den USA weder als Industriepolitik diffamiert noch als naive Fortschrittsillusion abgetan.

Quelle: in MEDIAS res, Kommunikationsforschung aktuell, Rote Reihe, Experten berichten;
NEUE ERKENNTNISSE DER PRINT- UND TV-FORSCHUNG