Mancher Prophet der Medienzukunft wagt heute zu behaupten, daß Tageszeitungen und Magazine – nicht etwa Video-on-Demand oder Home Shopping – die Katalysatoren des digitalen Informationszeitalters sein werden. Die Trendlinien in Sachen Interaktivität, so die Prognose, laufen in einem elektronischen Newsservice zusammen, der den Interessen des Leser entgegenkommt: digitale Dienste, die Nachrichten in Zukunft unabhängig von Zeit und Raum dorthin liefern, wo sie gebraucht werden.
Anthony Smith postulierte in seinem Werk Goodbye Gutenberg bereits 1980 eine Computerrevolution im Zeitungswesen: „Von allen Informationen, die das Nachrichtenressort einer Zeitung täglich sammelt (und die alle on-line gehalten werden, das heißt in kontinuierlicher direkter Kommunikation mit einem Computer), werden nur etwa zehn Prozent in der Zeitung tatsächlich verwendet. Glaubt man den meisten Untersuchungen, liest der Leser davon wiederum lediglich zehn Prozent. Die ganze Mühe des Vertriebs dient also offenbar dazu, jeden Leser mit einem Prozent des Materials zu versorgen, das für viel Geld gesammelt wurde.“ Diese Erkenntnis ist heute - im Jahr 2008 - also bereits 28 Jahre alt, trotzdem klammern sich traditionelle Verleger immer noch an ihre Vergangenheit, in der eine technisch bedingte Beschränkung der Publikation eine Gleichschaltung der Interessen bewirken konnte.
Was die elektronische Zeitung ihren Lesern bieten könnte
Eine elektronische Zeitung dagegen wäre in der Lage, die gesamten hundert Prozent dessen zugänglich zu machen, was sich im Nachrichtenressort stapelt. Und der Leser würde den größten Teil dessen, was sie für ihn ausgewählt hat und ihm schließlich präsentiert, vermutlich ebenfalls tatsächlich nutzen. Der Leser (das heißt der Computer des Lesers als eine Art Filter) könnte außerdem Material aus den verschiedensten Quellen zusammenstellen und Artikel von besonderem Interesse in erheblich ausführlicheren Versionen geliefert bekommen, als übliche Tageszeitungen sie anbieten können. Meine Morgenzeitung erschiene mit einer Auflage von nur einem Exemplar, aber sie hätte eine treue Leserschaft. „Ich selbst lese keine Zeitungen“, erläutert Nicholas Negroponte. „Elaine, meine Frau, liest sie und sagt mir, was ich wissen muß. Sie ist nämlich, was mich anbetrifft, eine Expertin. Künstliche Intelligenz könnte das auch.“ Was für Negroponte Elaine ist, stellt für die Mehrheit der intelligenten Nachrichtennutzer heute Google News und ähnliche DIenste dar. Es ist trotzdem kein Wunder, dass ein solcher disruptiver Service nicht von einem Verleger (Dr. Hubert B. - wo waren Sie 1980 ?), sondern von einer Technikfirma erfunden wurde.
Die Traditionalisten mutmaßen dagegen, daß sich die elektronische Zeitung als ebenso zweifelhafte Vision wie das vor zehn Jahren prophezeite „papierlose Büro“ entpuppen könnte. Wie, so fragen sie, lassen sich Werbeanzeigen aus einem elektronischen Display herausschneiden, kann man eine elektronische Zeitung am Sonntagnachmittag auf dem Boden ausbreiten oder rasch in den Aktenkoffer stecken, um sie später auf dem Weg zur Arbeit zu lesen? Niemand weiß darauf heute eine befriedigende Antwort. Durch die Mobilisierung der Internetnutzung und durch die Interaktivierung des Kommunikationsverhaltens hat sich das geändert. Es hat Zeit gebraucht, manche richtige Antworten sind so. Sie bleiben wahr, auch wenn ihre Durchsetzung 25 Jahre benötigt.
Text, Grafiken, Video und Ton in einem neuen Produkt
Eines steht fest: Traditionelle Zeitungs- und Magazinverlage sind angesichts des heraufziehenden digitalen Zeitalters schon heute drastischen Veränderungen unterworfen. Neue Informationspipelines – via Kabel oder drahtlos – werden sich in den kommenden Jahren den Weg in Millionen von Haushalte ebnen und das Feld für eine Fülle neuer interaktiver Services bereiten.
In der Zwischenzeit wird das zunehmende Zusammenfließen von Text, Video, Ton und Grafiken zu völlig neuen Verpackungen von Nachrichten führen – der „Leser“ wird in der Lage sein, die „Story“ nicht nur zu lesen, sondern auch zu sehen und zu hören. ... und "kommentieren", die Leserbriefe, die ganzen Gespräche zwischen den Menschen als Folge medialer Publikation werden in diesem Hypermedium zusätzlich abgebildet. Alles, was in den letzten hundert Jahren über die Art und Weise, wie Nachrichten gesammelt, redaktionell verarbeitet, verpackt und verkauft werden, als verbindlich galt, steht zur Diskussion.
Journalismus als „Vertriebssystem für Bits“
Die Verfechter einer völlig neuen Art der Verbreitung von Nachrichten behaupten, daß der Printjournalismus längst digitalisiert sei – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, da Schwärze aufs Papier gedruckt wird und schwerelose Bits physische Gestalt annehmen. Journalismus werde sich in Zukunft als Vertriebssystem von Bits definieren: weiterverarbeitet von Maschinen, die die Datenströme individuell für jeden Leser aufbereiten. „Journalisten werden in Zukunft nicht für ihre Leser, sondern für Computer schreiben“, sagt Negroponte. Hier irrte der Herr N., Journalisten schreiben immer für Journalisten und für Leser, die sie direkt oder indirekt bezahlen.
Auf der anderen Seite stehen die journalistischen Praktiker mit ihrer manchmal sentimentalen, manchmal begründeten Affinität zum Papier. „Leser genießen es noch immer, Informationen auf die altmodische Art zu beziehen – trotz des Zugriffs auf elektronische Medien“, sagt Paul Steiger, Managing Editor des Wall Street Journal. Wir sehen mit zunehmender Digitalisierung und on-demand-Lieferung von Nachrichten gleichzeitig die Hinwendung zu längeren Lesestücken, zu Büchern, zu Studien, zu Whitepapers, aber auch zu Zeitschriften und Zeitungen mit Tiefgang. Die 99 % Häppchenwiederverwerter müssen sich auf andere Dienstleistungen focussieren.
Und Steven Shepherd, Editor-in-Chief von Business Week, fügt hinzu: „In einer Welt, die von Informationen geradezu überflutet wird, werden wir nicht weniger, sondern mehr Interpretation und Analyse durch sachkundige Journalisten brauchen. Es müssen keine Journalisten sein, schreibkundige und begeisterte Fachleute für ein Thema sind hinreichend, schreiben kann man eher lernen als Verstehen. Intelligente Computer, die Millionen und aber Millionen von Informationen filtern und individuell aufbereiten, mögen in Zukunft nützliche Maschinen sein. Aber man weiß als Zeitungs- und Magazinleser ja nicht immer, was man will.“ Dann lesen Sie bitte "The Paradox of Choice". Keiner weiß, was er will, bis er es tut.
Zeitungen und Magazine werden das „breite“ Fernsehen überleben
Dutzende amerikanischer Tageszeitungen und Zeitschriften werden heute bereits online im Internet, bei privaten Datendiensten wie CompuServe und America Online oder in nichtkommerziellen Mailbox-Netzen angeboten. Die verstärkte Aktivität im Datennetz betrachten die Verlage als ersten Schritt in die digitale Zukunft und als eine Art experimentellen Kundendienst mit ungewissem Ausgang. Gewinn machen vorerst nur die Datendienste, da die Werbewirtschaft noch keinen überzeugenden Weg gefunden hat, das Anzeigengeschäft ins Netz zu übertragen.
„Zeitungen und Magazine in ihrer Funktion als Massenmedium“, das gibt auch Negroponte zu, „werden viel langsamer sterben als das breit gesendete Fernsehen. Denn ihr Layout ist bereits insofern auf Individuen zugeschnitten, als es dem einzelnen den Überblick, das Überfliegen erleichtert. Das Fernsehen ist verletzlicher, denn es läßt sich bislang – außer zusammen mit Videokassetten – nicht an einzelne Personen anpassen.“ Youtube, Video on Demand, Last.fm, Hulu, Joost.... es ist eine Frage der Bandbreite, der Hostingkosten - letztlich hat die vollkommen irrationale Aufbruchstimmung genau die Infrastruktur hervorgebracht, die für den wirtschaftlichen Erfolg dieser individualisierten Massenkommunikation notwendig war. Manchmal stolpert die Fortentwicklung blind voran, man nennt es im Rückblick dann EVOLUTION.