10.12.2007

Rückblick 1995: Auf dem Highway ist die Hölle los (Drahtlose Telekommunikation – jederzeit und überall) von Fritz G. Blumenberg

Ist auf dem Highway wirklich die Hölle los ? Oder bewegen wir uns vielmehr zum Himmel auf Erden, zum interaktiven Himmel ? Dieser Frage ging 1994/1995 Fritz G. Blumenberg nach, aus den USA für die Deutschen geschrieben.

Die Vereinigten Staaten erleben in der drahtlosen Telekommunikation einen Boom, der vor ein paar Jahren noch als unvorstellbar gegolten hatte. Die Revolution führt über handliche Funktelefone. Sie verspricht die drahtlose, interaktive Übertragung von Daten und multimedialen Inhalten aller Art – jederzeit und überall.

Die amerikanischen Pioniere der drahtlosen Telekommunikation setzen darauf, daß der Homo sapiens sein Dasein nicht nur als Sammler und Jäger begonnen hatte, sondern daß das Nomadentum auch für den heutigen Menschen der „natürlichste Zustand“ sei, wie etwa der Unternehmer Craig O. McCaw vor einiger Zeit feststellte. McCaw ist der Chef von McCaw Cellular, der größten US-Gesellschaft für Funktelefondienste, die vom amerikanischen Fernmelderiesen AT&T für nicht weniger als 12,6 Milliarden Dollar übernommen wurde.

Beileibe nicht nur AT&T und McCaw Cellular lassen sich aber von der „Vision“ leiten, daß handliche Geräte, die jederzeit und überall etwa zugleich als Telefon, Pager, Faxmaschine und Computer mit drahtlosem Anschluß an Datennetze dienen, einmal zum Alltagsinstrument des modernen Nomaden gehören werden. In die drahtlose Zukunft investiert derzeit eine kaum mehr überschaubare Zahl von Fernmelde-, Medien-, Computer-, Halbleiter- und Softwareunternehmen.

Im Jahr 2000: 50 Millionen Mobilfunkabonnenten?

AT&T hatte noch Anfang der achtziger Jahre offiziell prognostiziert, daß in den Vereinigten Staaten im Jahr 2000 erst 900.000 mobile Funktelefone in Betrieb sein werden. Tatsächlich ist die Zahl solcher Geräte auf gut 13 Mio. geschnellt. Im Rückblick auf diese unerwartet dynamische Entwicklung rechnen nun Branchenfachleute damit, daß es in den USA im Jahr 2000 schon über 50 Mio. Mobilfunkabonnenten geben wird. Damit würde bereits jeder fünfte Amerikaner ein mobiles Funktelefon besitzen.

Die bisherige Funktelefonie basierte noch weitgehend auf der analogen Übertragungstechnik. Dies soll sich jedoch bald ändern. Zum einen bemühen sich die Betreiber der bisherigen Funktelefonnetze um den Übergang zur digitalen Technik, welche die Übertragungskapazität verzwanzigfachen kann und die Datenübermittlung einfacher und sicherer macht. Zudem soll in drei bis fünf Jahren ein neues Funktelefonnetz entstehen, nämlich ein digitales „Mikrozellen“-Netz, das eine weit höhere Dichte von Übertragungsantennen aufweist.

Das effizientere „Mikrozellen“-Netz, für das die US-Behörden im Sommer vergangenen Jahres eigene Frequenzbereiche versteigert haben, soll als Basis für „persönliche Kommunikationsdienste“ (Personal Communications Services; PCS) dienen, die eine vielfältige interaktive Datenübertragung ermöglichen. Neben diesen terrestrischen Neuerungen gibt es noch verschiedene Pläne für ein weltumspannendes Satellitenfunktelefonnetz. Das am weitesten fortgeschrittene Projekt ist jenes des Motorola-Konzerns: Das vier Milliarden Dollar teure Iridium-Projekt sieht die Stationierung von 66 Satelliten vor und soll den Betrieb 1998 aufnehmen.

Drahtloses Empfangen und Senden von Daten

Auf dem amerikanischen Markt sind neben portablen Computern mit drahtlosem Modem inzwischen auch sogenannte Personal Digital Assistants (PDA) erhältlich; dies sind handliche Geräte, welche ohne die herkömmliche Computertastatur nicht nur die Speicherung und Verarbeitung von Daten erlauben, sondern Daten ebenso drahtlos empfangen und senden können und teilweise auch schon zugleich als Funktelefon nutzbar sind.

In den achtziger Jahren hatte Nicholas Negroponte proklamiert, daß das meiste, was bisher über den „Äther“ ging, verkabelt werde – und umgekehrt. Damit wollte der Wissenschaftler konkret voraussagen, daß das Fernsehen zunehmend durch Glasfaser- oder – dank den neuen Kompressionstechniken – zumindest durch Koaxialkabel übertragen werde, während Telefonverbindungen zunehmend drahtlos sein werden. Dieser sogenannte Negroponte-Switch ist aber heute nicht mehr unumstritten. So macht etwa der amerikanische Technologiepublizist George Gilder geltend, daß die bisher angenommene Überlegenheit von Glasfaserkabeln bezüglich der Übertragungskapazität mittlerweile relativiert werden müsse, indem das elektromagnetische Wellenspektrum mit „Mikrozellen“-Netzen und dank der neuen Digitalisierungstechnik geradezu einen Überfluß an nutzbarer Bandbreite biete, wogegen vor ein paar Jahren noch befürchtet worden war, daß der „Äther“ insbesondere für die qualitativ einwandfreie Videoübertragung auf mehreren hundert Kanälen eine zu stark begrenzte Kapazität aufweise.

Mikrozellen-Übertragung – qualitativ besser als Kabelfernsehen

Dies ist nicht bloß Theorie. So hat das New Yorker Unternehmen CellularVision bereits ein erfolgreiches Pilotprojekt durchführen können, bei dem im Mikrowellenbereich 49 Fernsehkanäle in besserer Qualität als beim Kabelfernsehen an 500 Haushalte übertragen wurden; dies bei überaus kompetitiven Gesamtkosten von 300 Dollar je Haushalt. Und im Gegensatz zum direkten Satellitenfernsehen der GM-Tochter Hughes Communication, das bis zu 150 Fernsehkanäle mit Studioqualität liefern soll, ist beim System von Cellular-Vision auch interaktives Fernsehen möglich.

Virtuelle Realität, 3-D und Hologramme

Virtual Reality ist eines der jüngsten Zauberwörter des digitalen Zeitalters. Aus Bits und Bytes schaffen Computer künstliche Welten. Via Bildschirm und Datenhandschuh steigt der Mensch hinein in die künstliche Welt und agiert unumschränkt, allein begrenzt von den Möglichkeiten der Software.

Avanciert Virtual Reality zu einem Massenmedium?

Via zwischenmenschlicher Kommunikation durch Sprache, Gesten, Körperbewegungen, am besten über alle menschlichen Sinne inklusive Tast- und Geruchssinn, tritt er mit dem Computer in Kontakt. Der Nutzer springt quasi selbst hinter den Bildschirm mitten hinein ins Gehirn der Maschine, er wird zum lebenden Mauszeiger am Bildschirm und taucht ein in die rechnerinterne, die sogenannte virtuelle Welt.

Bis die Virtual-Reality-Technologie erwachsen ist, wird sie noch manche Verwandlung durchmachen. Die heute noch spektakulären Geräte haben lediglich einen vorläufigen Status. Aber bereits mit dem heutigen Stand der Technik lassen sich ein Fülle von Anwendungsmöglichkeiten in Architektur, Innenraumgestaltung, Robotersteuerung, Stadtplanung, Konstruktion, Design, Medizintechnik, Sichtsimulation und akustischer Simulation demonstrieren.


Auch im Medienbereich scheint Virtual Reality in naher Zukunft Einzug zu halten. Das große Publikum wird in absehbarer Zeit in Filmen mit Virtual Reality in Berührung kommen oder über die Benutzung von preiswerten Stereohelmen beim Fernsehkonsum. Virtual Reality könnte bei steigender Computerleistung schnell zu einem neuen Massenmedium avancieren.

In „virtuellen“ Filmpalästen verschmelzen Kino und Wirklichkeit

3-D-Bilder, Rundumton, bewegliche Sitze: Kinozuschauer in den USA werden schon heute mitten in die Action katapultiert. In den neuen Filmpalästen verschmelzen Kino und Wirklichkeit. Die United-Artist-Kinokette baut in 20 ihrer Lichtspielhäuser bewegliche Sessel ein. Vorläufig taugen sie nur zur Vorführung speziell produzierter Ride-Movies, die mehr mit einer Achterbahnfahrt als mit Film zu tun haben. Doch die neue Technik ist eine erste flächendeckende Investition in zukünftige spektakuläre Filmerlebnisse. Beispiel Sony Theatre Lincoln Square am New Yorker Broadway: Der Unterhaltungsgigant hat hier in Zusammenarbeit mit der kanadischen Filmtechnikfirma Imax ein 3-D-Kino der Superlative installiert. Statt der herkömmlichen Pappbrille mit grünem und rotem Zelluloid bekommt der Zuschauer sein Personal Sound Equipment. In einer Art Helm befindet sich eine Brille mit Flüssigkristall-Linsen und riesigen Gläsern, die das Gesichtsfeld nicht einengen, dazu ein Kopfhörer zur Einspeisung des digitalen Rundumtons. Douglas Trumbull, Special-Effects-Pionier in Imax-Diensten, erläutert die neuen Möglichkeiten der Filmtechnik. „Wir können die Bilder jetzt auf digitales Format bringen, so daß sie grafisch bearbeitet werden können.“

Die neuen Hologramme kommen aus dem Computer

Die meisten Hologramme stammen inzwischen nicht mehr von Fotografien ab. Viele kommen von Anfang an aus dem Computer, sind vollkommen synthetisch, ohne irgendwelche realweltliche Entsprechung. Und es sind diese Computerhologramme, für die sich die meisten unmittelbaren und interessanten neuen Anwendungen ergeben. Wenn die Zeit gekommen ist, meint Stephen Benton, Leiter der Abteilung Spatial Imaging am Massachusetts Institute of Technology, wo Anfang der neunziger Jahre das erste synthetische Hologramm produziert wurde, werden Computer auch zu Hause 3-D-Hologramme generieren und ausdrucken können.

„Wild Palms“, eine Vision von Oliver Stone

Eine Zukunftsvision im Zusammenhang mit Hologrammen führte Produzent Oliver Stone der weltweiten Kinogemeinde in seinem Science-Fiction-Thriller Wild Palms vor Augen. Im Mittelpunkt des Films steht ein Medien-Konzern, der eine Technologie entwickelt hat, mit der Fernsehbilder als lebensechte Hologramme in die Haushalte transportiert werden. Bald sind Illusion und Wirklichkeit, Gut und Böse nicht mehr zu unterscheiden.

Schöne neue Medienwelt?

Am besten wohl brachte der amerikanische Wissenschaftler und Science-fiction-Autor Arthur C. Clarke die mögliche Entwicklung von Kommunikationssystemen im 21. Jahrhundert auf den Punkt. Auf die Frage, welchen neuen Medienformen denn die Zukunft gehöre, antwortete Clarke: „Allen, die sich Menschen auszudenken imstande sind.“

Quelle: in MEDIAS res, Kommunikationsforschung aktuell, Rote Reihe, Experten berichten;
NEUE ERKENNTNISSE DER PRINT- UND TV-FORSCHUNG